Eberhard Gienger als Dopingbekämpfer nicht glaubwürdig

16. August 2013  Allgemein

Pressemitteilung der Kreisverbände DIE LINKE. Ludwigsburg und Heilbronn: „Die Vorwürfe gegen die Linke und ihren Kandidaten Walter Kubach wegen seiner Kritik am CDU-Bundestagsabgeordneten Eberhard Gienger sind völlig abwegig. Die CDU hat es offenbar versäumt, vor Abgabe ihrer Erklärung die Fakten zu prüfen“, sagt Sebastian Lucke, Sprecher des Kreisverbands Ludwigsburg.

Er verweist auf einen Bericht der „Rhein-Neckar-Zeitung“ vom 10.8.2013 über eine Wahlkampfveranstaltung in Schriesheim: „Gienger hat bereits 2006 aus freien Stücken berichtet, dass ihm sein Arzt in den 1970-er Jahren nach einer Sportverletzung ein anaboles Steroid verordnet habe, ‚weil mein Muskel sechs Zentimeter dünner war als am gesunden Bein.’ Insofern, sagt Gienger mit wohltuender Ehrlichkeit, sei er damals wohl gedopt gewesen.“ Soweit die RNZ.

Am Vortag hatte der Heilbronner CDU-Kreisvorsitzende Bernhard Lasotta im Namen der Kreisvorstände seiner Partei eine sofortige Entschuldigung der Linken und des Kandidaten Walter Kubach wegen dessen Forderung verlangt, Eberhard Gienger solle auf seine Bundestagskandidatur verzichten. Gienger selbst drohte sogar mit Klage.

Die Kreisvorstände Ludwigsburg und Heilbronn der Partei DIE LINKE stellten sich in einer Sitzung am Mittwoch hinter Walter Kubach. Von „abstrusen Unterstellungen“ und „Verunglimpfungen“ könne nicht die Rede sein, wenn Eberhard Gienger gleichzeitig bei einer Wahlkampfveranstaltung in Schriesheim öffentlich bekenne, „er sei damals wohl gedopt gewesen“ (RNZ 10.8.2013, siehe oben).

1. Der Linken gehe es nicht um die unstrittigen sportlichen Leistungen Eberhard Giengers, der an einem Barren in einem Künzelsauer Vorgarten begonnen und sich mit einer unvorstellbaren Ausdauer an die Weltspitze emporgearbeitet habe. Es gehe auch nicht darum, dass er sich als junger Mann ein Dopingmittel verschreiben ließ. Dazu stand Gienger bekanntlich 2006 selbst in einem Interview. Berichte der überregionalen Presse wie „Gienger sorgt mit Doping-Geständnis für Wirbel“ (Handelsblatt 12.5.2006) hat er nie dementiert, obwohl er seit 2002 im Bundestag sitzt. Walter Kubach hat hieraus nur zitiert.

2. „Zur Wahl steht allerdings nicht der frühere Sportler, sondern ein Sportpolitiker, dessen Glaubwürdigkeit sich auch daran misst, wie er mit den Vorgängen von 1974 umgeht“, so Lucke. Der Arzt, der ihm damals das Dopingmittel Fortabol verschrieben habe, war ja kein geringerer als Armin Klümper, der „wie die Spinne im Netz des Doping agierte“, so der „SWR“ vergangene Woche. Klümper vertrat wie sein Kollege Keul die Position, dass Anabolika von Sportlern angewendet werden sollten. Für ihn initiierte Gienger Solidaritätsaktionen, obwohl der DLV seine Athleten bereits davor warnte, sich von Klümper behandeln zu lassen! So habe er 1997 – zu dieser Zeit sei er schon aktiver CDU-Sportpolitiker gewesen – in einer Zeitungsanzeige Klümper in Schutz genommen, nachdem dessen Mitschuld am Tod seiner Patientin Birgit Dressel diskutiert wurde.

3. Die Frage nach der Glaubwürdigkeit Eberhard Giengers stelle sich deshalb, weil er den Einsatz des Anabolikums noch immer rechtfertigt. Laut Heinz Birnesser, einem der bekanntesten Deutschen Sportmediziner, habe es jedoch „nie eine medizinische Rechtfertigung für den Einsatz von Anabolika im Hochleistungssport gegeben“. Zitat: „Wenn Eberhard Gienger meint, dies sei damals medizinisch notwendig gewesen, dann kann ich nur sagen: Anabolika zu verabreichen, war im Hochleistungssport immer medizinischer Schwachsinn.“ (Spiegel online 12.5.2006). Die Professoren Franke, Geipel, Kofink und Treutlein – alle wissenschaftlich ausgewiesene Doping-Spezialisten – sprachen 2006 in einer öffentlichen Erklärung von einer „eigenwilligen Interpretation Giengers, wann Anabolika erlaubt gewesen seien“.

4. Anlass der Kontroverse um Eberhard Gienger ist nicht ein „schmutziges Schmierentheater im Sommerloch“, wie die CDU-Kreisverbände behaupteten, sondern die am 5.8.2013 in Teilen veröffentlichte Studie der Humboldt-Universität über „Doping in Deutschland von 1950 bis heute“. Darin beklagt wird eine „nachlässig betriebene Anti-Dopingpolitik, die Beschönigung und Verschleierung von Missständen, die fehlende Sanktionierung von Fehlverhalten und die Vermeidung von Verantwortungszuschreibungen von Sport und Staat sowie der „Unwillen von Sportverbänden und Sportpolitikern, Doping effektiv zu bekämpfen“.

Es steht zu erwarten, dass aus dem Gutachten politische Konsequenzen gezogen werden. „Eberhard Gienger kann im Sportausschuss des Bundestages unter diesen Voraussetzungen kaum glaubwürdig sein“, so Linken-Sprecher Lucke. Dies habe sich schon 2007 gezeigt, als Eberhard Gienger, der damals als „stets umstrittener“ DOSB-Vize Mitglied in der Nationalen Anti-Doping-Agentur wurde und damit Kontroversen auslöste, die vermutlich nicht ohne Einfluss auf seinen Rückzug aus dieser Agentur 2008 waren. Immerhin beklagt die Humboldt-Studie den „verdeckten Versuch systemischen Dopings“ im Einsatz von Testosteron als Mittel zur Regeneration im Leistungssport. Damit steht zu vermuten, dass Klümpers Verschreibungen und Giengers Anabolika-Einnahme ebenso ins Themenfeld der Studie fallen wie seine Solidaritätskampagnen.

Lucke: „Gienger wird, zumindest indirekt, selbst Thema der zu erwartenden Diskussion im Bundestag beziehungsweise im Sportausschuss sein.“ Wenn heute als Grund für den wenig konsequenten Kampf gegen Doping darauf verwiesen werde, dass „Kinder der Anabolika-Generation in Sportverbänden sitzen“ (FAZ 26.9.2011), so müsse das auch die Glaubwürdigkeit Eberhard Giengers treffen. 2006 kandidierte Gienger als Vizepräsident Leistungssport des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und wurde, gerade wegen des Wirbels um seine Haltung, nur knapp gewählt.

5. Gienger hat sich gemeinsam mit DOSB-Chef Thomas Bach gegen härtere Gesetze und für jene Eigenverantwortlichkeit der Sportverbände ausgesprochen, die die Studie als „Grund für die schleppende Umsetzung der von internationalen Institutionen sowie vom DSB vorgegebenen Richtlinien gegen Doping“ nennt. Beklagt werden nun in der Humboldt-Studie „offizielle Bekenntnisse der Sportverbände zur Anti-Doping-Politik, denen nur halbherzige Maßnahmen folgten“.

6. Lucke verweist auf den Kornwestheimer Stabhochspringer Günter Lohre, der vor wenigen Tagen den Widerstand des DOSB gegen die vollständige Veröffentlichung der Studie und gegen die Bestrafung von Dopingbesitz kritisiert habe. Obwohl die Unesco verlange, den Besitz von Doping-Mitteln unter Strafe zu stellen, sei es dem DOSB mit seinem Vize-Vorsitzenden und Bundestagsabgeordneten Gienger gelungen, die Umsetzung insofern zu umgehen, als der Bundestag im Januar 2007 einen Gesetzentwurf des Innenministers beschloss, den Besitz geringer Mengen straffrei zu lassen. „Gienger ist also keineswegs der konsequente Doping-Bekämpfer, als der er sich heute darstellt. Statt Konsequenzen aus der Studie zu ziehen, zweifelt er deren Qualität und Belastbarkeit an.“

Innenminister war damals Wolfgang Schäuble, der 1976 in seiner Funktion als sportpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Sportausschuss zum Thema Doping gesagt haben soll: “Wenn es nicht schadet, soll man auch da das Bestmögliche unseren Sportlern angedeihen lassen.”

Für die Linke stehe daher fest, so Sebastian Lucke, dass Eberhard Gienger sowohl im Sport- als auch im Bildungsausschuss weder ohne Befangenheit agieren, noch glaubwürdig gegen Doping auftreten könne.